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BLAUE UND BLUTDRUCK
Das Museum am Dorfplatz von nationaler Bedeutung beteiligt sich an der Gemeinschaftsausstellung «Reisen ins Appenzellerland». Unter dem Titel «Blaue und Blutdruck» widmet es sich einem schweizweit einzigartigen Phänomen: turnend oder wandernd und an ihren blauen Trainingsanzügen erkennbar erholten sich hier erschöpfte Angestellte von ihren Beschwerden.
Die Kunde der Gesundung eines unheilbar kranken Mannes durch frische Geissenmolke liess Gais 1749 zum ersten Molkenkurort Europas werden. Bis 1860 trafen sich im kleinen Dorf zahlreiche gut betuchte Genesungssuchende. Rund 100 Jahre später begann der Arzt Gerhard Ufer im heutigen Museumsgebäude seine Methode – die aktive Bewegungstherapie – zu entwickeln. Gesundheitlich angeschlagene Angestellte, so genannte «Zivilisationsgeschädigte», wurden von ihren Betrieben zu einer vierwöchigen Erholungskur nach Gais geschickt. An diese Patienten und Patientinnen, die wegen ihrer blauen Trainingsanzüge den Übernamen «Die Blauen» erhielten und die in und um Gais unterwegs waren, können sich ältere Einheimische bis heute noch gut erinnern. Die Therapien, Spaziergänge und Saunabesuche waren so erfolgreich, dass sie 1965 zur Gründung der renommierten «Klimastation zur medizinischen Rehabilitation» und zur heutigen Klinik Gais führten.
Der Ausgangspunkt der «Blauen», das heutige Museumsgebäude «Haus zur Blume», wurde nach dem Dorfbrand von Gais 1781 neu aufgebaut. Die Gemeinde Gais erhielt für ihr innovatives Baureglement zur Bewahrung der Eigenart und Schönheit, welches gleichzeitig Raum für Neues zuliess, 1977 den Wakkerpreis - als bisher einziger Ort beider Appenzell. Durch den Preis fand der Dorfplatz mit seinem harmonischen Zusammenspiel der Gebäude und den barocken Giebelformen sowie den klassizistisch geprägten Walmdachhäusern nationale Beachtung. Vorerst beherbergte das «Haus zur Blume» unter anderem Räumlichkeiten zur Fabrikation und Export von Grobstickereien, später auch zur Herstellung von kosmetischen und pharmazeutischen Artikeln. Ab 1972 diente es schliesslich als Dorfmuseum.
So steht das «Haus zur Blume» und dessen vielfältige Nutzungen stellvertretend für das Thema «Vernetzt» der Europäischen Tage des Denkmals 2024: Als Teil des Netzes der «Blauen», deren Nachfahren oft wieder nach Gais kamen, im Zusammenhang mit der globalen Vernetzung durch Fabrikation und Export, als Knotenpunkt des Streckennetzes der Appenzeller Bahnen sowie als Teil des Verbundes der Museen im Appenzellerland.
Was und wann
Kurzreferate/-einführung durch Bruno Steingruber, Präsident Verein Museum Gais, und Kathrin Moeschlin, Historikerin und Kuratorin der Ausstellung «Blaue und Blutdruck»
Sa, 07.09.2024 12:45–13:30
Sa, 07.09.2024 14:30–15:15
Keine Reservation notwendig.
rahel.arpagaus@clutterar.ch
www.ar.ch/denkmalpflege
+41 71 353 67 45
Ort und Anreise
ÖV: ab Bahnhof Gais ca. 8 Min. Fussweg (350m)
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